Gedanken zum Tag der Arbeit: Wovon sprechen wir?

Roboter kaufen keine Brötchen.

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Jan-Christoph Schultchen

Jeder Mensch will sich beschäftigen, Sinnvolles tun, in Gemeinschaft leben und seinen Interessen und Fähigkeiten nachgehen. Von Atomphysik bis Sterbebegleitung oder Gärtnern geht die Spannweite dessen, was Menschen freiwillig tun, um glücklich zu sein.
Die Atomphysikerin wird ihrer Leidenschaft unabhängig vom Gehalt nachgehen. Der Lehrer oder Kümmerer lässt sich auch von schlechter Bezahlung nicht von seiner Berufung abbringen.

Aber was ist mit den miesen Jobs? Die keiner machen will? Die schädlich sind und Spätfolgen haben, der wirklich „harten“ Arbeit? Schaffen die nicht wenigstens Identität, Gemeinschaft, Sinn? Arbeit ist doch ein Selbstzweck ohne den man nicht leben kann? Es ist wohl die Bezahlung ohne die man nicht leben kann.

Und die Jobs, für die viel gezahlt werden muss, damit sie jemand erledigt? Spitzenmanagement, abstrakte Geldvermehrung um jeden Preis, als Selbstzweck, für die man Moral, Gewissen und ethisches Empfinden abgeben muss. Jobs die woanders Schaden anrichten, Geschäftsmodelle verfolgen, die auf dem Elend anderer aufgebaut sind?

Es gibt auch wertvolle, erfüllende Arbeit, die ohne Bezahlung gemacht wird, ohne die eine Gesellschaft nicht funktionieren würde: Erziehung und Pflege fallen einem ein. Ehrenamt vielleicht noch, wie zum Beispiel in Stadt- und Gemeinderäten. Es gibt aber auch Autoren, Philosophen, Künstler, Journalisten die auch ohne jede Bezahlung ihre Arbeit machen. Je mehr Freude die Arbeit macht, je intrinsischer ihre Motivation ist desto schlechter die Bezahlung. Feiern wir das am ersten Mai?

„Gute“ Arbeit für schlechtes Geld? „Schlechte“ Arbeit für gutes Geld?
Wir erleben eine Vermögenskonzentration, die, wenn sie sich so fortsetzt, ebenso bedrohliche Ausmaße annehmen wird, wie der Klimawandel. Das Wohlstands- und Aufstiegsversprechen auf dem sich sozialer Frieden gründet, gilt nicht mehr. Produktivitätssteigerungen – der Mehrwert – fließt trotz aller Bemühungen der Politik nicht in die Taschen derer, die die Arbeit tun, der eigentlichen Arbeitgeber – der Arbeiter. Das zeigt das unaufhaltsame und nicht mehr wegzudiskutierende Öffnen der Schere zwischen Arm und Reich.

Kapital lässt sich in politischen Einfluss verwandeln. Es hat eigene Stiftungen, Forschung, Lehre, Medienorgane und natürlich die Lobby. Die Entwicklung kennt nur eine Richtung: Umverteilung von unten nach oben. Dabei kann doch eigentlich kein Kapital ein Interesse daran haben, seine Kunden zu verlieren. Braucht nicht der Fabrikant von Konsumgütern Kunden, die seine Waren bezahlen können? Es ist so einfach und doch tun wir täglich das Gegenteil: Wir machen Standortpolitik. Wir schaffen prekäre Jobs, üben Lohnverzicht, lassen Maschinen, die Arbeit machen. Roboter kaufen keine Brötchen.

Das ist etwas, woran wir arbeiten müssen. Ohne Bezahlung aber mit Gewinn. Gute Löhne sind für Alle gut. Gerechtigkeit bedeutet Umverteilung. Dieser Idee widme ich meinen persönlichen ersten Mai.

 

Wentorf, den 01-05-2021

Jan-Christoph Schultchen