„Schweigen allein reicht nicht“

An dieser Stelle finden Sie die Rede von Wolfgang Warmer (SPD), Ehrenbürger der Gemeinde Wentorf bei Hamburg, bei seiner Ernennung im Wentorfer Rathaus.

„Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst danke ich Ihnen herzlich dafür, dass meine Arbeit in all den vielen Jahren eine so schöne Anerkennung gefunden hat. Es freut mich natürlich sehr und macht mich auch ein wenig stolz – wohl wissend, dass ich all die Jahre nur ein Rädchen im Uhrwerk des Ganzen war und ohne die Hilfe und Unterstützung der vielen Kolleginnen und Kollegen schnell unter die Räder gekommen wäre.

Zwar waren mir schon damals, als ich das erste Mal in die Gemeindevertretung gewählt wurde, die Grundzüge unseres Gemeinwesens bekannt – insbesondere war mir bekannt, dass zu den Grundprinzipien unseres Staates die Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und eine Exekutive gehörte. Nicht bekannt war mir, dass auch informelle Gewalten und Eigenheiten existieren.

„Exekutive, Legislative, Karitative, Kommunikative“

So sind beispielsweise die Gemeindevertretungen nicht der Legislative, sondern der Exekutive zuzuordnen – schon das hat in der Praxis Konsequenzen.

Vor allem aber gibt es ein weiteres Zentralelement, die „Karitative“ nämlich. Deren Aufgabe ist es, armen und hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, sie zu unterstützen und sie auf den rechten Weg zum Ziel zu führen. Diese Aufgabe hat bei uns die Gemeindeverwaltung übernommen. Geht es doch darum, unkundigen Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertretern den rechten Weg zu weisen, sie möglichst umfassend zu informieren und den oft Zweifelnden und Verzweifelten liebevoll vorzuschlagen, wie es denn mit der Gemeinde weiterlaufen soll.

Auch die Presse – hier einfach einmal als „Kommunikative“ bezeichnet – darf nicht unerwähnt bleiben. Ein zumeist belebendes, oft auch steuerndes und gestaltendes Element. Während deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Zeitungen und Informations- und Werbeblättern ihre Wirkungen auf die Arbeit der Gemeinden leicht unterschätzen, wird sie von den Kleinpolitikerinnen und -politikern eher überschätzt. Sieht man doch, mit welcher Spannung Berichte und Anmerkungen als schnell greifbare öffentliche Meinung in der Politik verfolgt und diskutiert werden. Dabei bleibt leicht vergessen, dass die veröffentlichte Meinung sich beileibe nicht immer mit der öffentlichen Meinung deckt.

„Die Meinung des anderen achten – er könnte Recht haben“

Was, so habe ich mich gefragt, habe ich in all den Jahren gelernt? Was ist hängen geblieben? Geblieben ist mir vor allem die Feststellung,

– dass man die Meinung gerade des anderen, gleich welcher politischen Couleurs, achten und beachten soll – sie bzw. er könnte nämlich Recht haben.

– dass es illusionär wäre zu glauben, dass bei Sachentscheidungen immer nur sachlich entschieden wird. Auch hinter solchen Entscheidungen stehen Menschen, deren Gefühle man besser beachten sollte.

– dass es besser ist, sich lieber einmal mehr als einmal zu wenig zu entschuldigen. Entschuldigungen sind kein Zeichen der Feigheit, sondern der Stärke.

„Schweigen allein reicht nicht“

Erlaubt sei mir bei dieser Gelegenheit, auch noch ein wenig politischer zu werden. Ich beschränke mich dabei auch nur auf einen Auszug aus einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz von Herrn Professor Dr. Münkler, der sich mit den Gefahren für unsere Demokratie befasst:

„… Man sollte nicht glauben, die Bedrohung der Demokratie gehe nur von einigen Reichen und Mächtigen aus. Im Gegenteil: In einigen Fällen sind es Teile des Volks selbst, die der Demokratie den Rücken kehren, weil sie mit deren Ergebnissen nicht zufrieden sind und ihnen die Bereitschaft fehlt, die Mühen und Lasten der Aufrechterhal­tung einer demokratischen Ordnung auf sich zu nehmen. Die Wahl von Erdogan, Trump, Rodrigo Duterte auf den Philippinen und Jair Bolsonaro in Brasilien ist so zu erklären…Freiwillig verwandelten sich die Bürger in Untertanen, weil ihnen der Aufenthalt im Feld des Politischen zu anstrengend, zu zeitaufwendig und schließlich zu gefährlich erschien. Sie flohen in die Sicherheit des Privaten und überließen die Politik einigen wenigen. Die Krise der Demokratie, heißt das, resultiert immer aus einer doppelten Bedro­hung: dem Vorstoß derer, die alle Macht an sich ziehen wollen, und dem Rückzug jener, denen politisches Engagement auf Dauer eine Last ist, derer sie sich entledigen wollen. Wer die Demo­kratie verteidigen will, muss diese doppelte Bedro­hungslage wahrnehmen…“

Und ich füge hinzu …und ihr bewusst entgegentreten. Schweigen allein reicht nicht.“